LANCIA Fulvia & Flavia IG

 

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Fulvia


 

Die Lancia Fulvia erlegte ihr Debüt auf dem Genfer Automobilsalon im Jahre 1963. "Mama Mia" wird so mancher beim Anblick der Limousine ausgerufen haben. Schwer zu sagen, ob er aus Überraschung, Begeisterung oder gar vor Entsetzen tat. Selbst die Fachpresse zeigte sich unterschiedlich angetan. Die Zeitschrift "mot" berichtete 1963: "Die Fulvia - Karosserie gehört zur Schuhkarton-Schule, wie R8, Simca 1000, Alfa Romeo Giulia und andere. Sachlich in Ordnung, aber nicht alleinseligmachend."

Die Innenausstattung der Fulvia, entspricht kaum dem, was bei uns von einem Wagen dieser Preisklasse erwartet wird, auch stilistisch. Eine Kuriosität: Der Walzentachometer mit Zahlenfenster, vor mehr als 30 Jahren mit Recht zu den Akten gelegtes Rezept (man muß zu sehr hinschauen und ablesen) feiert Auerstehung. Hoffentlich nur bei Lancia.
In auto motor und sport stand in Heft 7/63 über die Fulvia zu lesen: "Insgesamt ein fortschrittliches, aufrichtiges und dabei ein auch äußerlich sofort ansprechendes Auto." Doch der Tester in Ausgabe 5/64 schien diese Meinung nicht zu teilen. Schön ist er nicht gerade, eher etwas verschroben, aber er strahlt wie jeder Lancia das Fluidum der Individualität aus. Und zum Tachometer schrieb er: "Eine selten angewandte Lösung ist der Trommeltachometer, der trotz seinen großen, gut ablesbaren Zahlen nur wenig Raum in Anspruch nimmt.

Immerhin bot die Fulvia - Limousine offensichtlich Anlass zu kontroversen Diskussionen. Auch aus heutiger Sicht wirkt das Äußere des Wagens ungewöhnlich, was zum Teil in der kantigen Silhouette des Wagens begründet liegt. Die einzigen schrägen Linien ergeben sich durch die trotzdem sehr steil stehenden Front- und Heckscheiben. An Bug und Heck wirkt der Wagen wie von der Guillotine abgetrennt. Auch die hohe Gürtellinie und die kurzen Karosserieübergänge aufgrund des relativ langen Radstandes (Länge 4110mm, Radstand 2480mm) lassen das italienische Auto nicht gerade zu einem optischen Genuss werden.
Auch Lancia wusste um die skurrile Erscheinung des Wagens, und schrieb in einem Pressebericht: "Die Fulvia stapelt tief. Das ist die psychologische Hürde, über die ein Käufer erst einmal sein Herz werfen muss." Und Menschen, die sich dazu überwinden konnten, stempelten sich damit zu ausgeprägten Individualisten, zumindest in Deutschland.
Aber die Fulvia wusste auch Reizvolles zu bieten. Etwa eine saubere Verarbeitung ( was sich laut Aussage von Insidern unter der ab 1969 herrschenden Fiat -Regie geändert haben soll) oder ein relativ großzügiges Raumangebot.Unter der Motorhaube gib et es ebenfalls Nichtalltägliches zu entdecken. Hier befindet sich der Vierzylinder-Motor, dessen Zylinder in enger V-Form angeordnet sind.

Bei der 1963 erschienenen Limousine mit 109ccm Hubraum (Bohrung x Hub 72x67mm) betrug der V-Winkel beispielsweise 12 Grad 53´ 28´, beim 1969 herausgebrachten 1,6l Motor, der nur im Coupe und im Fulvia Sport eingebaut war, erkenntlich am gelben Ventildeckel, belief sich dieser Winkel auf 11 Grad 20´. Als Besonderheit der Motorkonstruktion gelten neben der Tatsache, dass es für die vier Zylinder einen gemeinsamen Zylinderkopf gibt, die beiden oben liegenden Nockenwellen, von denen die in Fahrtrichtung recht nur die Einlassventile und die linke nur die Auslassventile steuert. Der Motor mit Kopf und Kurbelgehäuse aus Leichtmetall- der Block besteht aus Spezialguss- ruht um 45 Grad nach links geneigt unter der Motorhaube. Montiert ist er auf einem Hilfsrahmen, gemeinsam mit Kupplung, Getriebe, Lenkung, Vorderradaufhängung und Kühler.

Die Ur-Version der Fulvia mit den 1,1 Liter-Motor heimste im Test von "auto motor und sport" 1964 hauptsächlich Kritik wegen ihres bescheidenen Temperaments. Der Testwagen brachte voll getankt immerhin 1093kg auf die Waage, kein Pappenstiel für 58PS. Was nützen Türen, die beim Zuschlagen an eine Panzertür erinnern, wenn das Auto 22,8 Sekunden benötigt, um aus den Stand 100km/h zu erreichen? Dieser Wert klingt um so bescheidener, als 1963 für diesen Wagen 4860€ gezahlt werden mussten. Im März 1966 gab es beispielsweise für 4480€ eine BMW 1600-2, der mit seinen 85PS die 100km/h fast zehn Sekunden früher erreichte. Den Lancia- Ingenieuren blieb also nur übrig, das Fulvia Blech in "Prosciutto-Stärke" zu fertigen, um Gewicht zu sparen, oder für einen stärken Antrieb zu sorgen.


Die Ingenieure wählten den letzteren Weg. Auf dem Automobilsalon in Turin stand 1964 die Fulvia Berlina2C (für 2 carburatori, also 2 Vergaser), die aufgrund anderer Vergaserbestückung ( vorher Solex C32PAIA8, nun Solex C32PHH und ein SOLEX C32PHH1) 71PS bei gleichem Hubraum bereitstellte. 1967 installierte Lancia in die Limousine einen Motor mit 1231ccm. Nun standen 80 PS bei 6000/min zur Verfügung. Wenn auch aus dieser Fulvia noch keine Rakete geworden ist, so vermittelt diese Version nicht mehr das Gefühl, untermotorisiert zu sein. Für eine Höchstgeschwindigkeit von 150km/h reicht es allemal, und die Beschleunigung auf 100km/h liegt nun deutlich unter 20 Sekunden. Und wer nach mehr Leistung strebt, der greife zur 1968 präsentierten Berlina GTE mit 87PS.

Dass der Antrieb über die Vorderräder erfolgt, bleibt im Fahrbetrieb meist verborgen. Die hohe Sitzposition sorgt für Übersichtlichkeit, und die schluckfreundliche Federung sorgt dafür, dass Mama, Papa und Bambini auch auf längeren Reisen Wohlfühlen. Wenn es Papa mal krachen lässt,, zeigt sich die Fulvia in Kurven als energischer Untersteuerer. Dann stört allerdings die indirekte Lenkung. Vier Umdrehungen von Anschlag zu Anschlag erfordern in engen, direkt aufeinander folgenden Kurven relativ viel Kurbelei vom Piloten. Noch ein paar Worte wären zum Fahrwerk nachzutragen. Vorne besitz die Fulvia einzeln aufgehängte Räder mit jeweils zwei übereinander angeordneten Querlenkern und Querblattfederung. Ein Stabilisator mildert die Neigung des Aufbaus  in Kurven. Hinten wartet die Fulvia mit einer Starrachse und Längsblattfedern auf.


Die gleich Technik befindet sich auch unter dem Blech des eleganten Coupes (und Fulvia Sport, eine Zagato- Version), das 1969 Premiere feierte. Dieses Fahrzeug mit filigranen Dachaufbau wirkte wesentlich gefälliger als die Limousine. So stellte sich jeder ein Auto aus dem stiefelförmigen Land vor, und niemand benötigt 2 Liter Chianti classico, um es schön zutrinken. Diese Anerkennung gilt den Stylisten von Lancia, die diese Karosserie entwarfen. Im Lancia-Pressebericht steht zu lesen: "Ein Auto, das seinen Herrn als Feinschmecker am Steuer ausweist, doch keinesfalls als Angeber oder Effekthascher." In der Tat, es ist ein Wagen, der durch unauffällige Schönheit besticht.


Die 2 Serie (produziert ab Herbst 1970) lässt sich zunächst einmal nur bis zu den Scheinwerfern reichende Kühlergrill ausmachen, in Edelstahl wohlgemerkt, und die Blinker an den vorderen Kotflügeln (ab Serie 2 in der Stoßstange). Im Innenraum zieht das mit Edelholz-Furnier verkleidete Armaturenbrett die Blicke auf sich. Zudem darf der Pilot seine geliebte Fulvia mit einen Holzlenkrad dirigieren. Die Serie 2 musste sich mit einem Lenkrad begnügen, das lediglich optisch auf Holz getrimmt war. Immerhin blieben die klassischen Rundinstrumente erhalten, wobei Tacho und Drehzahlmesser durch ihre Größe dominieren.

Noch weniger Gefallen findet das Plastiklenkrad mit geänderter Hupe und die Anzeige mit weißen Ziffernblättern der ab 1974 gebauten Fulvia 3. Die Fulvia 3 gehört zur Typenbezeichnung und bedeutet nicht Serie 3.Die technischen Daten verraten, dass für das Coupe von Anfang an ein Motor mit mindestens 1216 ccm Hubraum vorgesehen wurde - eine gute Entscheidung, denn die Käufer hätten die Fahrleistungen der Limousine von 1963 diesen schicken Coupe sicherlich übel genommen.


Und Lancia sorgte dafür, dass es in Sachen Leistung bergauf ging. Die zahlreichen entstandenen Motor-Versionen sind alle in der nachfolgenden Tabelle zusammengefasst. Besonders zu erwähnen sind dabei die HF-Versionen, die das Fulvia-Programm leistungsmäßig nach oben abrundeten. Den absoluten Höhepunkt bildete der ab 1969 gebaute 1,6HF (Variante 1016) mit 132PS, eine über Fulvia, so spritzig wie ein Asti Spumante.

HF bedeutet übrigens High Fidelity, hohe Treue. Die beiden Buchstaben so stellte (laut  Lancia-Pressemitteilung von 1971) der so genannte HF-Club (den 1963 gründeten HF Squadra Corse, eine Gemeinschaft von Lancia Rennfahrern) dem Lancia Werk zur Verfügung. Gegenüber der Fulvia Limousine weist das Coupe eine um 135mm geringere Länge und 150mm weniger Radstand auf. Dadurch wirkt es wesentlich agiler und wendiger. Die zierlichen Dachholme gewährleisten einen tadellosen Rundumblick ,auch das Ende des Hecks ist vom Fahrer zu erkennen. Mit Raumangebot können Fahrer und Beifahrer zufrieden sein im Font zufrieden sein.

Lancia empfiehlt: "Wer wissen will, wo sein Geld angelegt wurde, der muss bei der Fulvia unters Blech schauen." Dort befindet sich der Motor mit mindestens 80 PS. Damit lässt sich leben, und wer die bis 7000/min reichenden Drehzahlreserven der Fulvia 3 nutzt, kann vom Motor nicht verlangen, dass er sich in Schweigen hüllt. Das tut er auch im normalen Fahrbetrieb nicht, ständig ist ein kerniger Ton zugegen. Gut 12 Sekunden vergehen, um 100km/h schnell zu werden. Dazu müssen die ersten drei der zur Verfügung stehenden fünf Gänge bemüht werden. Das Fünfganggetriebe gehörte seit 1970 zur Serienausstattung. Mit dem Mittelschalthebel lassen sich die Fahrstufen problemlos einlegen.

Und wenn Die Fulvia leicht untersteuernd durch die Kurven gejagt wird, ist die Assoziation zur Rallye Monte Carlo perfekt. Doch nur wer dieses Spiel übertreibt, wird von plötzlichen Lastwechsel-Reaktionen überrascht, wenn er in einer zu schnell angefahrenen Kurve vom Gas geht. In engen Kurven neigt der Wagen dazu, das kurveninnere Hinterrad; in die Luft zu heben.
Die 90PS reichen aus, um die Fulvia auf knapp 170km/h zu bringen. Wer die Fahrt plötzlich verzögern muss, kann sich auf die Wirkung von vier Scheibenbremsen verlassen. Schon die Limousine von 1963 wartete mit dieser Bremsanlage auf. Falls ein Bremskreis der Zweikreis-Anlage ausfällt, werden entweder nur die Vorderräder oder Vorder- und Hinterräder gebremst.

( Quelle: Motor Klassik 2/89 von Bernd Woytal )
(Quelle Fotos: Lancia Fulvia & Flavia IG / Fiat Automobil AG)


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